Kann ein Buch ein Leben retten?
Bevor ich diese ungewöhnliche Frage beantworte, möchte ich eine Geschichte erzählen.
Im Vortragssaal der Universität Wien stand ein Gastredner auf der Bühne – eine eindrucksvolle Erscheinung, mit einem geschichtsträchtigen Namen, der jedoch nur indirekt mit seinem Vortrag zu tun hatte.
Und doch hatte dieser Name sein Leben geprägt – und ihn, nach dem abrupten Karriereende seines Vaters, einst einer der einflussreichsten Politiker Europas, in eine tiefe Krise gestürzt.
Der Vortragende – Walter Kohl – sprach zum Thema „Kraftquellen, Versöhnung und Sinn“ …
Er bezeichnete sich selbst als Redner, Autor, Begleiter und Coach. Einst hatte er ebenfalls an der Universität Wien studiert und dort, wo er nun über seine Lebenserfahrungen sprach, sein Studium als Diplom-Volkswirt abgeschlossen.
In sich ruhend, mit einer fast besonnenen Demut, stand er auf dem Podium und wartete geduldig, bis sich der Hörsaal bis auf den letzten Platz füllte.
Als er zu sprechen begann, zerstreuten sich rasch die Erwartungen des Publikums, er könne – abgesehen von seinem Namen und seiner äußeren Erscheinung – seinem berühmten Vater ähnlich sein.
Weder seine ruhige Stimme noch seine gelassene, zuversichtliche Art erinnerten an den Mann, in dessen Schatten er aufgewachsen war.
Nach dessen Fall wurde auch er – als Sohn des einst so mächtigen, später in Ungnade gefallenen Politikers – tief getroffen. Geschäftspartner wandten sich von ihm ab, und noch vor seinem 40. Lebensjahr verlor er jede berufliche Perspektive.
Doch damit nicht genug: Ein weiterer, noch schmerzhafterer Schicksalsschlag folgte – der plötzliche Freitod seiner geliebten Mutter. Dieser Verlust verdunkelte seine innere Welt endgültig.
Das Leben des einst erfolgreichen Bankers und Unternehmers, der sich selbst als „ZDF-Mensch“ – orientiert an Zahlen, Daten und Fakten – bezeichnete, zerbrach. Die Folgen waren nicht nur psychischer, sondern auch körperlicher Natur. Mit der Lebensfreude verlor er sogar seinen Geschmackssinn – für ihn ein deutliches Zeichen für die Tiefe seiner Depression. Er spürte weder sich selbst noch das Leben.
In diesem scheinbar ausweglosen Zustand erschien ihm der Gedanke an Selbstmord als einziger Ausweg. Er entwickelte mehrere konkrete Szenarien und plante sie bis ins Detail.
Ein erster Versuch – mit dem Motorrad – scheiterte, trotz sorgfältiger Planung. Er kam mit einigen Verletzungen davon. Man könnte meinen, dieser misslungene Versuch hätte seinen Lebenswillen wieder geweckt. Doch das Gegenteil war der Fall.
Zurück zu Hause haderte er nicht mit seinem Vorhaben, sondern mit sich selbst – darüber, dass er „nicht einmal das“ zustande gebracht hatte.
Resigniert saß er auf der Couch, versunken in Gedanken und Selbstmitleid, und griff gedankenlos nach einem Frauenmagazin. Beim ziellosen Durchblättern fiel sein Blick auf eine Überschrift:
„Trotzdem Ja zum Leben sagen.“
Dieses „trotzdem“ ließ ihn aufhorchen.
Gerade ihn, der kurz davorstand, sich und sein Leben aufzugeben, erreichte dieser Satz – mitten in seiner inneren Leere.
Der Artikel berichtete über das gleichnamige Buch von Viktor E. Frankl. Und etwas daran berührte ihn tief.
Die zentrale Aussage Frankls lautete:
Es gibt keine Lebens- und Leidenssituation, die nicht die Möglichkeit in sich trägt, in eine sinnvolle Leistung verwandelt zu werden.
Der Redner berichtete, dass ihn diese Gedanken zugleich aufrüttelten und beschämten. Er saß in einem schönen Haus – und sah dennoch keinen Sinn mehr. Die Vorstellung, dass es unter allen Umständen möglich ist, dem Leben ein „Trotzdem“ entgegenzusetzen, brachte ihn ins Nachdenken.
Wie konnte es sein, dass ein Mensch, der die grausamsten Bedingungen in Konzentrationslagern erlebt hatte, dem Leben dennoch ein Ja abgewinnen konnte?
Und warum sollte er selbst es nicht zumindest versuchen?
Diese Lektüre wurde für ihn zu einem ersten Lichtstrahl – einem feinen Riss in der Dunkelheit seiner inneren Welt.
Als „typischer Zahlenmensch“ setzte er sich daraufhin ein Zeitfenster von 100 Tagen. In dieser Zeit wollte er einen neuen Zugang zum Leben finden. Andernfalls hätte er seinen ursprünglichen Plan weiterverfolgt.
Was folgte, waren kleine Schritte zurück ins Leben.
Eine Rückbesinnung auf das Wesentliche. Die Suche nach Sinn. Nach einer Aufgabe. Nach einem Platz im Leben, der nur für ihn bestimmt ist.
Er begann, Orte aus seiner Kindheit aufzusuchen – etwa die Kirche, deren hohe Kuppel ihn schon als Kind beeindruckt hatte. Dort hatte er einst eine besondere Nähe zu etwas Größerem gespürt.
Er suchte nach „Griffen“, an denen er sich – wie ein Bergsteiger – wieder festhalten konnte. Nach etwas, das über ihn hinausweist.
Er begann, sich intensiv mit der Logotherapie Viktor Frankls auseinanderzusetzen. Sein Blick richtete sich langsam weg von sich selbst – hin zu etwas Sinnvollem außerhalb seiner eigenen Befindlichkeit.
Auch philosophische Texte, etwa von Seneca, gewannen für ihn wieder an Bedeutung.
Und irgendwann – fast unbemerkt – kehrte auch sein Geschmackssinn zurück.
Heute arbeitet dieser Mann als Coach, Begleiter und Autor. Seine eigene Lebensgeschichte hat ihn gelehrt, dass man aus Krisen wachsen kann. Er spricht von einem „Weg der Versöhnung“ – auch dann, wenn sie nur einseitig möglich ist.
Vor allem aber ist ihm eines klar geworden:
Gerade in schwierigen Lebenssituationen liegt die Herausforderung darin, die Kraft aufzubringen, dem Leben ein „Trotzdem“ entgegenzusetzen – und mit einem Ja zu
antworten.
Und all das begann mit einem zufällig aufgeschlagenen Magazin.
Die Antwort auf unsere Ausgangsfrage, ob ein Buch ein Leben retten kann, hat uns diese Geschichte selbst gegeben.
Manchmal reicht ein einziger Satz, der uns im richtigen Moment erreicht.
Ein Moment, ein Gedanke, der uns berührt – und etwas in uns wieder in Bewegung bringt.
Manchmal beginnt ein neues Leben mit einem einzigen Wort:
Trotzdem.