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Wenn das Leben nach Sinn fragt

 

Vor ein paar Wochen stellte mir eine Klientin die Kardinalfrage aller Fragen, die man in einer Praxis für sinnorientierte Lebensgestaltung stellen kann:

 

„Was ist der Sinn meines Lebens?“

 

Frau Dagmar*, Anfang 60, hatte ansonsten keine akuten oder drängenden Anliegen, die sie aktuell zu bewältigen gehabt hätte.

 

Sie war frisch pensioniert, finanziell abgesichert, getragen von einem stabilen Netz aus Freunden und Verwandten – und reich an Interessen und Hobbys.

 

In ihrem Berufsleben war sie insgesamt erfolgreich gewesen. Einen Burnout vor etlichen Jahren hatte sie nach einer erzwungenen, aber gesundheitlich notwendigen Auszeit gut überwunden – und dabei, wie sie sagte, „sehr viel gelernt“: über sich selbst, über die Bedeutung mentaler Gesundheit und Selbstfürsorge.

 

Auch die Sinnlehre von Viktor Frankl, die sie in dieser Zeit für sich entdeckt hatte, hatte sie auf ihrem Weg der Genesung begleitet.

Man könnte sagen: eine ideale Ausgangslage, um sich gerade an diesem Punkt ihres Lebens der Sinnfrage zuzuwenden.

 

Ich persönlich – als sinnorientierte Beraterin mit dem inhaltlichen Schwerpunkt Logotherapie und Existenzanalyse – habe mich über diese für mich „schöne“ Fragestellung innerlich sehr gefreut, auch wenn mir bewusst war, dass sie nicht so einfach zu beantworten ist.

 

Für Frau Dagmar selbst hielt ich die Suche nach dem Sinn für besonders bedeutsam. Denn die Erfahrung, dem eigenen Leben Sinn und Bedeutung zu verleihen, stärkt nicht nur das mentale Wohlbefinden, sondern auch die seelische Widerstandskraft – wie zahlreiche Erkenntnisse aus der empirischen Forschung und der Psychoneuroimmunologie zeigen.

 

Die Psychologin und Pionierin der Sinnforschung Tatjana Schnell sagt in einem Spiegel-Interview dazu:
„Menschen, die Sinn in ihrem Leben sehen, sind körperlich und seelisch gesünder.“
Solche Menschen verspüren im Leben weniger Leere, dafür mehr Verbundenheit und Orientierung. Ihre über 20-jährigen Forschungen auf diesem Gebiet zeigen zudem, dass Sinn wichtiger ist als Glück – und eine Grundvoraussetzung für ein erfülltes Leben.

 

Lebenssinn und Lebensglück sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Pures Glücksstreben schenkt meist nur kurzfristige, flüchtige Freude, während Sinnhaftigkeit und Lebenssinn eine tiefere, langfristige Erfüllung ermöglichen.

 

Wie auch Viktor Frankl, der Begründer der sinnzentrierten Psychotherapie, sagte:


„Was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein, sondern ein Grund zum Glücklichsein.“

 

…und dieser Grund liegt nicht im Streben nach Lust oder Glück, sondern im Sinn.

 

Dieses Zitat fasst auch den Kern von Viktor Frankls Logotherapie sehr gut zusammen.

 

Frau Dagmar, die bereits Vorkenntnisse in Frankls Sinnlehre hatte, nickte zustimmend und formulierte selbst eine treffende Zusammenfassung:


„Wenn der Mensch einen Sinn in seinem Leben findet, wird er gleichzeitig glücklich“, sagte sie – noch etwas vorsichtig, aber sichtlich zufrieden, den Kern erfasst zu haben.

 

„Die Frage ist nur: Wo ist der Sinn – für mich – und wie finde ich ihn?“, fragte sie und sah mich erwartungsvoll an.

 

„Er ist näher – und erreichbarer – als Sie denken. Aber jedenfalls außerhalb von Ihnen“, antwortete ich.

 

Um erneut Frankl zu zitieren: Sinn findet man „in der Hingabe an eine Person, an eine Sache, in der Erfüllung einer Aufgabe“ – überall dort, wo Sie sich einbringen und die Werte verwirklichen können, die Ihnen wichtig sind.

 

„Das heißt, ich sollte mir eine Aufgabe suchen, die mich erfüllt?“, fragte sie.

 

„Vielleicht klingt das einfach“, antwortete ich, „aber eine Aufgabe, die Sie als sinnvoll erleben und in die Sie Ihre Talente und Fähigkeiten einbringen können, wäre ein sehr guter Ansatz.“

 

Dazu fiel mir ein passendes Zitat von Aristoteles ein:


„Wo sich deine Talente mit den Bedürfnissen der Welt kreuzen, dort liegt deine Berufung.“

 

Frau Dagmar war von diesem Gedanken sichtlich angesprochen. Ausgehend von ihren Erfahrungen und ihrem bisherigen Berufsleben verfügt sie über zahlreiche Fähigkeiten, die für andere von großem Wert sein können.

 

„Ich zum Beispiel“, fügte ich hinzu, „engagiere mich ehrenamtlich in einer anonymen Beratungsstelle – und empfinde diese Zeit als sehr bereichernd.“

 

Damit wir nicht nur bei einer Aufgabe bleiben – Frankls Logotherapie bietet mehr als Sinnfindung durch schöpferisches Tun“, sagte ich zu Frau Dagmar augenzwinkernd.

 

„Sie haben in Ihrem langen Berufsleben bereits viele Aufgaben erfüllt – jetzt ist die Zeit für die Verwirklichung der sogenannten Erlebniswerte gekommen.“

 

Das bedeutet nichts anderes, als Erlebnisse zu sammeln: soziale Kontakte, Begegnungen, Natur, Kunst – sich von der Welt bereichern zu lassen. All das erlebt der Mensch als sinnerfüllend.

 

Frau Dagmars Augen begannen wieder zu leuchten, als sie mir von ihrem Freundeskreis erzählte, mit dem sie viel unternimmt, oder von einer kulturbegeisterten Freundin, mit der sie regelmäßig ins Theater geht.

 

In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass all dies zur Kategorie der „Sinnerfüllung“ gehört – was sie sichtlich freute: „Es ist naheliegender und einfacher, Sinn zu finden, als ich dachte“, sagte sie nachdenklich.

 

„…und die Suche beginnt fast jeden Tag neu“, fügte ich hinzu.


„Man braucht jeden Tag ein ‚Warum‘ – einen Grund, aufzustehen. Und dieser Grund liegt außerhalb von uns: Er gibt unserem Leben Wert und unserem Dasein Sinn.“

 

Darin waren wir uns einig – und vereinbarten, in den kommenden Wochen gemeinsam weiter auf die Suche zu gehen: konkreter, persönlicher und vielleicht auch ein Stück tiefer.

 

Und womöglich beginnt Sinn genau dort –
wo wir ihn im Leben wieder suchen und entdecken.

 

 

 

 

 * Name und persönliche Details wurden zum Schutz der Klientin anonymisiert.